Trügerische Sicherheit

Wahrscheinlich zu Recht vermutet Joachim Güntner heute in der NZZ, dass im Netz und auf Plattformen „die Kommunizierenden ein gewisses Gefühl von Anonymität besitzen und überdies meinen, sie beherrschten die Situation.“ Dabei beruft der Autor sich auf Forschungsergebnisse der Sozial- und Medienpsychologen Sabine Trepte und Leonard Reinecke aus Hamburg. (NZZ vom 14.04.2010)
Es ist die Illusion, ganz für sich zu sein, autonom zu entscheiden, und den Prozess damit auch vollkommen kontrollieren zu können. Und es ist die unberechtigte Projektion der eigenen Machtvollkommenheit („Ich kann schreiben, was ich will!“) auf die Anwendungssituation der Information („Jeder liest das so, wie ich es geschrieben und gemeint habe“). Es ist eben schwer, sich das reale Geschehen „draußen“ im Moment des Abfassens eines Textes oder im Moment der Gestaltung einer, sagen wir, Facebook-Seite in Erinnerung zu rufen. Nur: Wie geht man denn selber mit den Informationen anderer um?
David Foster Wallace hat diesen Selbstbetrug in seinem Roman „Unendlicher Spaß“ in einem Stück, das man unter anderem als Marketing-Satire lesen kann, scharfsinnig analysiert. Die flächendeckende Einführung der Videotelefonie führt dort zu der allgemeinen Erkenntnis, dass man jahrzehntelang einer Täuschung zum Opfer gefallen war. „Bei den guten alten traditionellen und nur akustischen Telefongesprächen konnte man sich der Illusion hingeben, der Gesprächspartner schenke einem die ungeteilte Aufmerksamkeit, während man selbst ihm nicht im entferntesten so aufmerksam zuhören musste. […] Aber […] auch wenn man seine Aufmerksamkeit zwischen dem Telefongespräch und allen anderen fugueähnlichen Tätigkeiten aufteile, beschlich einen trotzdem nie der Argwohn, die Aufmerksamkeit des Menschen am anderen Ende der Leitung könne ähnlich geteilt sein. Führte man beispielsweise bei einem herkömmlichen Telefonat eine akribische haptische Pickelprüfung der Gesichtshaut durch, bedrückte einen keineswegs die Vorstellung, die Gesprächspartnerin könne ebenfalls einen Gutteil ihrer Aufmerksamkeit eine akribischen haptischen Pickelprüfung widmen. [eine akustische Täuschung:] Die Stimme vom anderen Ende der Telefonleitung war nah, straff komprimiert und wurde einem direkt ins Ohr geleitet, was zu der Annahme berechtigte, die Aufmerksamkeit des Sprechers sei gleichermaßen komprimiert und konzentriert.“ (© 1996 David Foster Wallace und ©2009 Verlag Kiepenheuer & Witsch). Den (viel längeren) Rest dieser irrwitzigen Geschichte sollte man unbedingt selber lesen!
Aber ist es nicht tatsächlich genau analog zur akustischen Illusion der ungeteilten Aufmerksamkeit bei Telefongesprächen die Illusion der Privatheit, die so viele Menschen „locker“ – die Kritiker würden sagen: „sorglos“ – mit der Veröffentlichung privater Informationen umgehen lässt?

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